Vortragsabend im BM1080 von 03. 03. 2026

Nikolaus Harnoncourt: Aus der Josefstadt in die weite musikalische Welt

mit: Doktor Otto Biba Vortrag und Kammerschauspieler Franz Robert Wagner Lesung

Der Festsaal des Bezirksmuseum Josefstadt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Zahlreiche Josefstädter und einige aus der Harnoncourt/Concentus-Community sind der Einladung zum Vortragsabend von Doktor Otto Biba und Kammerschauspieler Franz Robert Wagner mit dem Thema: Nikolaus Harnoncourt: Aus der Josefstadt in die weite musikalische Welt gefolgt.

Nach der Begrüßung durch die Museumsleiterin Maria Ettl beginnt Robert Wagner mit den Worten: „Seids Ihr deppert!“ nicht ohne davor darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Zitat handelt und nicht um eine Art der Publikumsbeschimpfung. Es sind die Worte von Federik Mirdita, einem Jugendfreund von Nikolaus Harnoncourt, der in Wien Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft studiert und im Haus der Harnoncourts als Babysitter aushilft wenn die Eltern im Wohnzimmer mit Ihren Kollegen Musikprobe halten. Er verfolgt die musikalische Entwicklung des jungen Concentus Musicus (der damals noch gar keinen Namen hat) und meint nach vier Jahren der Probenarbeit und des Experimentierens mit alten Instrumenten: „Seids ihr deppert, dass ihr das nur zu Hause in kleinem Rahmen spielt. Ihr seids viel besser als andere, die vor Publikum auftreten. Es ist Zeit, dass ihr öffentliche Konzerte gebt.“ Das wird als der Anstoß überliefert, auf den hin der Concentus, zunächst bei der Wiedereröffnung des Palais Schwarzenberg spielt, und in Folge dann eben dort in seinem ersten, in Eigenregie organisierten, Konzertzyklus auftritt.

Damit sind wir mitten drin in der so besonderen Geschichte. Otto Biba ist ein wunderbarer Chronist dieses Geschehens, ist er doch selbst Zeitzeuge und auch Teil dieser Geschichte. Seine Beziehung zu Alice und Nikolaus Harnoncourt war stets von höchster gegenseitiger Wertschätzung geprägt.

Als legendär möchte ich seine Erzählung bezeichnen, wie er als Bub mit einer Sternsingergruppe erstmals in die Wohnung der Harnoncourts kommt. Bei ihrem Eintreffen ist gerade eine Musikprobe im Gange. Die Gruppe war bestellt. Aber kommt man jetzt doch ungelegen? Die Sternsinger werden eingeladen ihre Lieder zu singen. Die Atmosphäre des Raumes mit Orgel, Cembalo und an der Wand hängenden Gamben-Instrumenten ist seltsam, aber irgendwie magisch. So erinnert sich Otto Biba.

Später hilft er bei den frühen Konzerten im Palais Schwarzenberg als Billeteur in der Organisation mit. Der Platz vor der Piaristenkirche wird als Kommunikationszelle beschrieben. Hier tauscht man nach der Sonntagsmesse Gedanken aus und vereinbart eben auch Hilfsdienste.

Hier treffen auch Nikolaus Harnoncourt und Hans Gillesberger zusammen. Gillesberger wohnt auch in der Josefstadt, war eine Zeit lang Regens Chori in der Piaristenkirche und als er später Leiter der Sängerknaben und des Chorus Viennensis (der Männerchor aus ehemaligen Sängerknaben) wird, kommt es zu intensiver Zusammenarbeit für Konzerte und Schallplattenaufnahmen.

Dass die Harnoncourts mit dem Concentus vier Jahre nur in der Wohnung musiziert haben, hat mehrere Gründe. Alle beteiligten Musiker sind qualifiziert im Orchesterdienst tätig, aber hier geht es um etwas völlig Neues. Alice und Nikolaus Harnoncourt wollen das Klangbild der Renaissance- und Barockzeit neu erschließen. Dafür werden historische Instrumente gesammelt und zum Klingen gebracht. Gemeinsam tastet man sich an die Tonentwicklung mit diesem Material heran. Gleichzeitig wird Quellestudium in Musikarchiven betrieben. Es wird Notenmaterial aufgespürt und händisch abgeschrieben. Dazu werden Schriften über das Musizieren in der damaligen Zeit studiert. Daraus das Klangbild der alten Musik nachzuspüren, war das Ziel der mehrjährigen Probenphase.

Otto Biba erzählt dazu von persönlichen Gesprächen über diese Zeit, die er mit dem Fagottisten Milan Turkovic und dem Bassgeiger Eduard Hruza geführt hat.

Kurt Theiner ist einer der ersten Mitstreiter der Harnoncourts. Er wird durch die Heirat mit Nikolaus‘ Schwester Juliana (genannt Lily) zum Schwager und zieht auch in eine Wohnung in der Josefstädterstraße ein. Kurt Theiner ist Bratschist und als Fotograf Autodidakt, der die Geschichte des frühen Concentus Musicus dokumentiert und auch die Fotos für Eigenwerbung und Schallplattenproduktionen macht.

So entstehen auch Ensemblefotos in der Piaristenkirche im linken Oratorium und unter der Orgelempore. Die Blickpunkte sind sorgfältig ausgesucht und vermitteln Barockatmosphäre, ohne kirchlich zu wirken.

Mit einem Hörbeispiel einer Mozart Kirchensonate, die an der Buckow-Orgel in der Piaristenkirche aufgenommen worden war, erklärt er wie diese Aufnahme zu teils heftiger Kritik in der Fachwelt geführt hat: barocke Orgelwerke an einem klassizistischen Instrument?! Er selbst, sieht diese Aufnahme als Zeichen dafür, dass Nikolaus Harnoncourt nicht ein sturer Purist war, sondern eine werkentsprechende Ausführung im Vordergrund stand. Das scheint ihm hier zweifelsfrei gelungen zu sein.

Kammerschauspieler Franz Robert Wagner, der die Zitate mit unverwechselbarem Ausdruck vorträgt, gibt im Wechsel mit Otto Biba dem Abend eine besondere Lebendigkeit.

Gleichsam als zu Herz gehenden Abschluss erzählt er selbst von seiner Kontaktaufnahme und dem Kennenlernen mit Nikolaus Harnoncourt. Es geht dabei um die Musik als stärkende Kraft in schweren Zeiten. Dazu liest er den handschriftlichen persönlichen Brief vor, den er von Nikolaus Harnoncourt auf ein persönliches Schreiben nach drei Tagen als Antwort bekommen hatte.

Es war ein beeindruckender Abend mit der Darstellung vielfältiger Bezüge der Harnoncourts zur Josefstadt illustriert durch Erzählungen persönlicher Erlebnisse.

Bericht: Andreas Theiner

Fotos: Karl Vsedni

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert